High End München 2016 – Impressionen. 3D Audio und Rettungsversuch für Audio 1.0

Erstellt von:
13 Mai 2016
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Die High End Ausstellung in München ist heute die weltweit grösste Ausstellung für gehobenes HiFi und High End Audio. In Messehallen und Seminarräumen wurde auch 2016 die Audio Zukunft präsentiert, demonstriert und diskutiert. Der Blick war aber nicht nur nach vorne gerichtet. Waren vor Jahren noch eine kleine und überschaubare Anzahl Aussteller mit Plattenspielern anwesend, so könnte man 2016 fast von einer Omnipräsenz sprechen. Auch die Zubehörbranche bedient das Geschäft mit der gestiegenen Vinyl Nachfrage. Eine der spannendsten Vorführenden war die BACCH 3D Audio Präsentation. Mit einem eindrücklichen Live vs. Wiedergabe über Lautsprecher Vergleich wurde das Funktionieren der Theorie belegt.

3D Audio – beeindruckend und aufschlussreich. Aber auch praxistauglich?

Der BACCH® Stereo Purifier (BACCH-SP) ist ein Digital-Audio-Prozessor, der echten 3D Klang über konventionelle Lautsprecher verspricht. Die Technik wurde von Edgar Choueiri, Professor an der Princton University entwickelt. Mit dem BACCH-SP Prozessor steht die Technik auch für die Heimanwendung zur Verfügung. Choueiri demonstrierte die Wirkungsweise seiner Theorie mit einer aufwändigen und eindrucksvollen Inszenierung. Protagonisten waren, neben dem ngagierten Präsentator Choueiri, ein Audio System mit zwei Lautsprechern, ein Streichtrio und der STEREO Chefredakteur Matthias Böde. Letzterem kam die „passive“ Aufgabe als Referenzhörer und Träger für die Kunstkopfmikrofonie zu. Wobei Kunstkopf im konkreten Fall natürlich nicht zutreffend ist, aber das Aufnahmeprinzip verdeutlicht.

Die drei jungen Musikerinnen des Streichtrios platzierten sich vor und zwischen den Lautsprechern. Matthias Böde bekam zwei InEar-Mikrofone in die Ohren gestöpselt. Der Infrarotsensor vor Böde erfasste die Kopfposition des Referenzhörers (siehe Grafik unten).

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Standort der Instrumente und Lautsprecher der BACCH Demo an der High End 2016 in München. Der BACCH-SP Prozessor erfasst über den Infrarotsensor die Kopfbewegung des Hörers und korrigiert den Sweet Spot entsprechend. Das 3D Abbild bleibt so stabil. Viola und Cello waren vor den Lautsprechern positioniert und wurden auch dort bei Wiedergabe über die Lautsprecher abgebildet. 

Nach dem Kalibrieren des Systems spielte das Streichtrio, bestehend aus Violine, Viola und Cello einen Ausschnitt aus einem Mozart Streichtrio. Abwechselnd spielte immer nur ein Instrument einige Takte des Stückes – quasi als akustisches Puzzle mit Spielpausen dazwischen. Das Ganze wurde über die InEar-Mikrofone in Matthias Bödes Ohren aufgenommen. Um es etwas verständlicher auszudrücken: Als erstes spielte die vor dem linken Lautsprecher platzierte Viola einige Takte und pausierte. Anschliessend spielte die Violine weiter, wiederum nur einige Take gefolgt von einer Pause, bevor das Cello den Abschluss der Sequenz im gleichen Muster machte. Anschliessend wurde das Ganze über die Lautsprecher abgespielt. In den zuvor aufgenommenen Pausen spielte das Trio nun Live die bei der Aufnahme nicht gespielten Takte. Somit war ein unmittelbarer Vergleich zwischen Live und Widergabe des Originals möglich.

Und es funktionierte! Die Instrumente wurden von den Lautsprechern verblüffend genau am richtigen Standort reproduziert – dort wo die Musikerinnen noch immer sassen (siehe Grafik). Die korrekte Wiedergabeposition konnte so leicht überprüft werden. Auch die Instrumente vor den Lautsprechern waren am richtigen Ort. Allerdings hat das Ganze einen Haken. Die absolut präzise Ortung der Instrumente ist nur dem Referenzhörer möglich. Dabei bleibt die Position der Instrumente unverändert, selbst wenn der Hörer den Kopf bewegt oder neigt, da der Infrarotsensor die Bewegung erfasst und der Prozessor die Wiedergabe entsprechend korrigiert. Die Positionen direkt hinter dem Referenzhörer haben eine abnehmende Ortungspräzision. Nach der dritten Stuhlreihe und seitlich des Referenzhörers ist Schluss. Man hört ein normales Stereoabbild – die ganze Herrlichkeit fällt in sich zusammen.

Wie funktioniert diese 3D Technik über zwei Lautsprecher?

Hier das Statement des Entwicklers: „Die BACCH® 3D Sound Technologie [sic] reinigt das Audiosignal von Signalanteilen die durch Übersprechen bei Lautsprecherwiedergabe entstehen. Dies erlaubt dem Hirn des Hörers die psychoakustisch korrekte Interpretation des am Ohr eintreffende Schalls – die realistische, dreidimensionale Wahrnehmung eines aufgenommenen Audiosignals im Abhörraum“.

Gut zu wissen: richtungsorientiertes Hören ist dank unserer zwei Ohren und deren Anordnung am Kopf möglich. Ein von rechts eintreffendes Schallereignis erreicht das rechte Ohr zuerst. Durch den Umweg um den Kopf trifft das Signal zeitlich versetzt, tonal und im Pegel leicht verändert am linken Ohr ein. Vor allem aus der Zeitdifferenz errechnet unser Gehirn die Einfallsrichtung des Schalls.

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Darum benötigen wir auch zwei Lautsprecher für Stereowiedergabe. Ein extrem rechts positioniertes Schallereignis muss somit auch vom rechten Lautsprecher reproduziert werden. Sickern nun im Aufnahme/Wiedergabesystem übermässig Signalanteile von rechten in den linken Kanal (oder umgekehrt), dann wird die Ortungsschärfe reduziert. Die Masseinheit für Kanaltrennung ist Decibel / dB (Synonyme = Übersprechen, Übersprechdämpfung). Je grösser der Wert, desto geringer das Übersprechen. Zum Vergleich die Kanaltrennung einiger Speichermedien: CD = 96dB, Tonband ca. 30-35dB, Vinyl = 20-24dB. Der BACCH-SP Prozessor berechnet nun individualisierte, tonal transparente Auslöschungsfilter, die das Übersprechen reduzieren. Bezugspunkt für die Filterberechnungen sind die am Hörplatz erfolgten Kalibrierungsmessungen, die über die in den Ohren des Hörers platzierten binauralen Mikrofone erfolgen.

Fazit: Die Technik funktioniert. Ich konnte die Instrumente an den originalen Orten bei Wiedergabe über die Lautsprecher orten, wenn auch etwas eingeschränkt, da ja Herr Böde den goldenen Hörplatz hatte, respektive die Einmessung auf seine Person und Hörplatz optimiert war. Tonal war das ganze weniger überzeugend, was Edgar Choueiri zu Beginn der Präsentation auch vorausgesagt hatte, da die Demosituation während der Messe nicht ideal war (Störpegel der Nachbarräume).  Der BACCH Ansatz zeigt eindeutig was heute mit moderner Technologie, Hochleistungsrechnern und smarten Algorithmen möglich ist. Auch psychoakustische Aspekte fliessen vermehrt in die Produktentwicklung ein. Leider ist die BACCH Technologie wenig alltagstauglich und wird somit vor allem bei Tech-Freaks auf Interesse stossen. Im Weiteren dürfte das Quellmaterial erheblichen Einfluss auf die Natürlichkeit der Wiedergabe haben. Aber der Ansatz ist äusserst interessant und das Prinzip funktioniert – verblüffend genau. Weitere Infos

Audio 1.0

Während in den Medien laufend über Industrie 4.0 berichtet wird und am WEF 2016 breit darüber diskutiert wurde, feierte die Audiobranche in München Audio 1.0. Nicht alle tun es, aber verblüffend viele. Plattenspieler wurden nicht nur in allen Farben, Grössen und Preisklassen ausgestellt, auch bei Vorführungen waren Plattenspieler prominent vorhanden. Zumindest drehten die Teller ihre Runden mit gehobenen Armen auf der obersten Etage der Audioracks. Fast unsichtbar waren CD Spieler. Fazit: es wurde primär Musik ab Festplatte oder Vinyl gespielt. Wo liegen die Gründe für diesen Retrotrend – der allerdings von den Insidern grösser wahrgenommen wird als er im globalen Audio-Kontext tatsächlich ist?

Bei der Einführung der CD 1983 hatte sich strukturell in der Audio Hard- und Softwarebranche nichts verändert. Einlegen statt auflegen, 12 cm silber statt 30 cm schwarz und gekauft wurde im Plattenladen im Ort. Der Umstieg von Vinyl auf CD ging nahtlos, das Ökosystem CD war so offensichtlich und einfach wie vorher das der Schallplatte. Heute ist Digitalaudio enorm komplex geworden: Music Server, Music Streaming, Formate, Konzepte, datenreduziert oder HD-Auflösung, Netzwerk, Internet als Quelle, Steuerung mit Smartphones und Tablets. Gleichzeitig schlossen oder schliessen immer mehr Plattenläden und die Hersteller reduzieren das Angebot an CD Spielern oder steigen gar ganz aus der Produktion aus. Der CD wird das Ableben vorausgesagt. Weder CDs noch CD Spieler lassen sich mit einfachen Produktionsmitteln herstellen – dies im Gegensatz zum Vinyl System. Die CD als Tonträger hat auch nie den Kultstatus einer LP erreicht – sie war einfach nur ein Speichermedium, welches sich problemlos durch ein anderes ersetzen lässt. Die Musik die darauf gespeichert ist, steht im Zentrum nicht der physische Träger. Auch konnte die CD Verpackung (Jewel Case) nie die Anmut einer grossen Plattenhülle erreichen. Wenn nun die CD verschwindet, bleibt dem Musikliebhaber nur die Wahl sich mit der komplexeren Materie rund um Computer Audio auseinanderzusetzen oder zurück zu Vinyl.

Einige geben als Grund für den Vinyl Retrotrend den vermeintlich besseren Klang an, der mehr Emotionalität habe. Mag sein, aber auf jeden Fall ist dieses Argument subjektiv, denn was Präzision anbelangt ist die heutige Digitaltechnik der betagten Analogtechnik weit voraus. Nicht jeder wird diese Ansicht teilen, doch die Vinyl Fraktion selbst bestätigt – indirekt – die Richtigkeit dieser Aussage. Lesen Sie weiter.

The Stockfisch DMM-CD/SACD

Günter Pauler (Pauler Acoustics), bekannt für seine transparenten, audiophilen Aufnahmen, hat kürzlich seine zweite Digital/Vinyl Produktion veröffentlicht: The Stockfisch DMM-CD/SACD Vol.2. Das aussergewöhnliche Projekt von Stockfisch Records, setzt digitale und analoge Produktionstechniken zur Realisation des Albums ein. Pauler nimmt Titel seiner erstklassigen digital Aufnahmen und schneidet diese auf einer Neumann Platten-Schneidmaschine auf eine Kupferfolie (DMM = Direct Metal Mastering) anstelle der üblicherweise verwendeten Lackfolie zur Schallplattenherstellung. Die mit 45 Umdrehungen (= höhere Auflösung als mit 33cm/s) rotierende Metallfolie wird nach dem Schneideprozess sofort mit einem EMT System wieder abgetastet und im CD und SACD Format digitalisiert. Dieser Vorgehensweise gleicht dem CLASP Prozess (Siehe Blog Mark Knopfler / Album Tracker Link).

Hier die Informationen auf der Stockfisch Records Website zum Thema: „Immer mehr Musikliebhaber entdecken den besonderen Klang einer Vinyl-Schallplatte. Wir haben uns Gedanken gemacht, ob es möglich ist, nur die Klang bildenden Faktoren hörbar zu machen. Denn eine gepresste Schallplatte ist mit zahlreichen bekannten negativen Eigenschaften behaftet: Da gibt es zum Beispiel Verzerrungen, Rumpeln, Knistern, Höhen- und Seitenschlag sowie viele andere Artefakte, die nicht positiv zum Klang beitragen. Alle Vinyl-Hörer haben sich allerdings an diese Nachteile gewöhnt. Unser neues Verfahren nennen wir „DMM-CD“. Mit ihm können wir die erwähnten Nachteile der gepressten Schallplatte ausschließen – und dennoch den Vinyl-typischen Klang beibehalten“.

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Stockfisch Records

Die Analog-Beilage der aktuellen STEREO Nr. 5/2016 widmet dieser Stockfisch DMM CD/SACD einen ganzseitigen Beitrag. Der STEREO Redakteur bemerkt, Sinn der Sache sei, „dem Digitalhörer auf diesem Weg das Tor zur analogen Klangwelt zu öffnen“. Weiter schreibt der Autor: „Und doch hört man signifikante Unterschiede zu den digitalen Vorlagen. Bei unseren Stichproben in Form von Vergleichen …  …tönten Erstere [DMM CD/SACD] durchweg etwas sonorer, authentischer sowie in den Klangfarben natürlicher“.  …sprach uns emotionell stärker an“.

Betrachten wir das Ganze mal aus rein sachlicher Perspektive, ohne subjektive Präferenzen, emotionellem Überhang und verinnerlichten Mythen:

1.) Die Aufnahmen wurden im digitalen Format erstellt und gespeichert. Der digitalisierte Originalklang ist die Ausgangslage. Wie genau die Aufnahme deckungsgleich mit dem akustischen Original ist definiert diese erste Stufe (im Sinne von nichts hinzugefügt und nichts weggelassen).

2.) Nach der analogen Zwischenstufe über die Neumann Schneidmaschine werden dem Klang analoge Attribute zugeschrieben (natürlicher, sonorer, emotioneller). Es ist ein klanglicher Unterschied zur ersten Stufe entstanden.

3.) Diese analogen Klangeigenschaften werden über ein digitales Format und Träger transportiert. Das digitale Audiosignal hat analoge Eigenschaften angenommen. Oder anders formuliert: der analoge Klang ist nach der erneuten Digitalisierung immer noch vorhanden.

Schlussfolgerungen:

a) Das digitale Format kann die Klangeigenschaften des analogen Mediums reproduzieren.

b) Das analoge Medium kann die Klangeigenschaften des digitalen Mediums von Stufe 1 nicht erhalten, denn nach dem Schneidevorgang klingt es nicht mehr gleich wie vorher. Veränderungen haben stattgefunden.

c) Den veränderten Klang als „natürlicher“ zu bezeichnen ist rein subjektiv. Die Aussage nimmt Bezug auf Hörgewohnheiten und subjektive Präferenzen. Wie soll der Schneidevorgang die angeblich bei der Digitalisierung nicht erfassten Informationen wiederherstellen können (natürlicher)? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Fazit:  Der analoge Produktionsschritt verändert das Signal – fügt Elemente hinzu, lässt andere Elemente weg. Dies ergibt den typischen Vinyl Klang, wie ihn Stockfisch Records beschreibt. Diese Veränderungen werden von einem Teil der Hörer als positiv empfunden, wieder andere empfinden sie als Klangverfälschung, als weniger genaue Reproduktion des Originals. Wem was gefällt, kann jeder für sich selbst Entscheiden und so das Medium seiner Wahl einsetzen. Dank der Stockfisch Produktionen kann dies Jeder selbst nachvollziehen. Nur welches Medium akkurater ist dürfte nun klar sein.

Stockfisch CDs sind im Handel, im Internet über www.stockfisch-records.de oder auf Download Portalen wie highresaudio.com  erhältlich.

Premiere: Bowers & Wilkins 800D3

Am Rande der High End Ausstellung wurde im Hotel Bayrischer Hof der Presse und dem Handel das Bowers & Wilkins Modell 800D3 vorgestellt. Die 800D3 ist nicht nur eine 802D3 mit 5 cm grösseren Bässen in einem grösseren Gehäuse. Grössere Lautsprecherchassis und Gehäuse erfordern auf Grund der veränderten Massen eine andere konstruktive Umsetzung. Diese Details wurden in einer rund einstündigen Präsentation und Hörsitzung eindrücklich demonstriert. Das faszinierende Top Modell aus der 800 Diamond Serie wird ab Juli verfügbar sein. Mehr zur 800D3

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800D3 Präsentation im Hotel Bayerischer Hof in München.

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Die Damen im Banner Bild: Das Duo Papagena spielte an der High End München 2016