Ein verblüffender Trend

Vinyl Boom – Fakten und Hintergründe (Teil 1)

Erstellt von:
12 Januar 2018
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https://www.bwgroup.ch/2018/04/13/klangcheck-digital-vinyl-digital-vinyl-vinyl-boom-fakten-und-hintergruende-teil-3/Einleitung

Normalerweise landen überholte Technologien im Museum und werden Bestandteil der Technikgeschichte. Sie bleiben höchstens noch bei einer kleinen Gruppe von Nostalgikern und Fortschrittsverweigerern im Gebrauch oder dampfen als Museumsbahn übers Land. Es gibt eine Ausnahme: die Vinyl Schallplatte, die sich in den Fokus der breiteren Öffentlichkeit zurückgemeldet hat. Das Ganze ist aber mehr als nur ein Retrotrend, der nach kurzer Zeit wieder aus der Mode kommt. Die Umsätze mit den schwarzen Scheiben steigen seit rund 6 Jahren. Der Vinylklang hat sich als ästhetisches Element, als alternative Klangerwartung gefestigt. Davon zeugen auch zahlreiche Software-Tools (Plug-Ins) für digitale Audioworkstations (DAW), welche die Klangeigenschaften der Schallplatte nachbilden. Das Ganze ist aber facettenreicher als es auf den ersten Blick erscheint. In einer Folge von Blog Artikeln beleuchten wir die verschiedenen Aspekte rund um die Schallplatte, wie

  • Das Wesen der Schallplatte, die Gründe für einen verblüffenden Trend (Teil 1).
  • Vinyl-Plug-Ins: drei Programme, die mit den Vinyl klangbestimmenden Parametern mehr oder weniger umfassend arbeiten (Teil 2).
  • Hörtest – Unterscheide zwischen Vinylklang und der Klangästhetik moderner Technik. Können Vinyl-Plug-Ins den wahren Vinylklang erzeugen und wo liegt der Nutzen (Teil 3)?

Teil 1: Das lange Leben einer Todgesagten

Mit dem Erscheinen der CD 1983 schien das Zeitalter der fast 100 jährigen Schallplatte zu Ende zu gehen (siehe Emil Berliner, 1887). Dies war auch die einhellige Wahrnehmung der Konsumenten zu Beginn der Achtziger. Die Vorzüge der CD waren offensichtlich, mit den Nachteilen der Schallplatte hatte man sich nun lange genug herumschlagen müssen. Nur eine kleine, damals als Ewiggestrige abgestempelte Gruppe mäkelte am CD Klang herum und beschwor das Klangbild der Schallplatte als das einzig Wahre. Die CD eroberte ungehindert die Plattenläden, die Schallplatte verschwand in einer kaum mehr wahrgenommenen Nische. Doch sie war nie ganz weg, sie war immer da. Wenige Hersteller produzierten weiterhin Plattenspieler. Und ein paar „Ewiggestrige“ pressten sogar Schallplatten. Wesentlichen Rückhalt hatte die Schallplatte in der Club und Hip-Hop Szene. Scratchen ohne Vinyl – unvorstellbar.

Bild 1: Die Entwicklung der Schallplattenverkäufe belegt: sie war nie weg, aber der heutige (mini) Boom sollte auch nicht überschätzt werden. Quelle: Digital Music News, RIAA Zahlen für den US Markt. Diesem grundsätzlichen Kurvenverlauf folgen auch die Märkte in Europa.

Die verblüffende Wiederbelebung

Um den heutigen Vinyl Boom zu verstehen, muss man sich bewusst sein, dass sich mit der Einführung der CD – abgesehen von zwei „Details“ – nichts geändert hatte:

  1. Ein physisches Medium wurde durch ein anders physisches Medium ersetzt.
  2. Man besuchte und kaufte Musik nach wie vor im Plattenladen.
  3. Der HiFi-Turm wurde mit einem CD-Abspielgerät ergänzt und an den analogen Eingängen des bestehenden Verstärkers angeschlossen.
  4. Der Tonträger wurde eingelegt anstelle von aufgelegt.
  5. Die Silberscheiben lagerten korrekt eingeordnet im Regal oder lagen einfach in der Wohnung herum, wie früher die LPs.
  6. Das Musikvergnügen war immobil und an den Standort der Anlage gebunden. Die Wende begann langsam: zu Beginn der 90er Jahre fanden CD-Spieler im Auto Einzug. Portable Disc Player gab’s schon ein paar Jahre früher. Aber auch das war nicht wirklich neu. Schon früher standen portable Plattenspieler fürs mobile Vergnügen in den Verkaufsregalen. Primär für Singles und Schallplatten die dem vorzeitigen Verschleiss geopfert wurden. Ob CD oder Platte, wer mobil war musste die Tonträger mit sich tragen.

Die „Details“: die Musik auf dem Träger war nun digital codiert, verbunden mit verschleissfreier optischer Abtastung und der CD-Spieler hatte eine Fernbedienung. Punkt. Den Klangaspekt lassen wir mal fürs Erste aussen vor (kommt im Teil 3).

Strukturell änderte sich daran bis um die Mitte der Nuller-Jahre nichts. Auch auf Seite der Wiedergabegeräte. Bis die Computer-Welt sich aufmachte, in die Audio-Domäne einzubrechen. Allen voran Apple mit ihren iPods, später iPhones und der Lancierung von iTunes im Jahr 2004. Was mit illegalen Tauschbörsen begann, bekam nun eine legale bezahl Plattform: Musik konnte im Internet gekauft und runtergeladen werden. Ein physischer Distributions- und Speicherträger in Form eines greifbaren Albums war nicht mehr notwendig. Die Musikdaten landeten auf einer Festplatte, die Organisation, Anzeige und Wiedergabe übernahmen Computer-Programme. Platten- und CD-Regale wurden überflüssig. Die Musik wurde mobil. Zu Beginn lief die Sache harzig. Geringe Internetbandbreiten und teurer Speicherplatz erforderten kompakte, handhabbare Dateigrössen. MP3 und die damit verbundene verlustbehaftete Komprimierung der Musikdaten waren notwendig um das neue Ökosystem zum Laufen zu bringen. Keine Option für den ernsthaften Musikfreund – vorerst. Die technische Entwicklung ermöglichte ein paar Jahre später die verlustfreie Speicherung und Übertragung und bald auch Hi-Res Audio. Nun kippte die Sache endgültig und es ging der CD an den Kragen, die ihren Umsatzzenit allerdings schon Jahre zuvor passiert hatte.

Zahlreiche, unterschiedliche Formate und Auflösungen waren nun verfügbar. Das starre Tonträger- plus-passendes-Abspielgerät Duo war nicht mehr nötig. Computer basierte Systeme können problemlos mit einer Vielzahl von Formaten umgehen und bei Bedarf in ein anders Format konvertieren. Was früher klar war – CD reinlegen, Platte auflegen – löste sich in viele Fragen auf. Wer nicht IT-affin war, den überkam das Grausen.

Bild 2: Ab 2004 begann der grosse Umbruch. Die nicht physische Musikdistribution (trägerloser Vertrieb) übers Internet begann. Interessant ist der um 2012 deutlich werdende Anstieg der Vinyl Verkäufe und der gleichzeitige Wachstumsschub beim Streaming. Quelle Bundesverband Musikindustrie (D). Die Zahlen lassen sich trendmässig auf den Europäischen und Schweizer Markt übertragen. In Skandinavien ist der Streaming Anteil allerdings wesentlich höher, der Heimatregion von Spotify und Tidal.

Bild 6:  Umsatzanteile der Distributionsformate 2016. Interessanterweise unterscheidet die Musikindustrie zwei grosse Blöcke, die sie „physisch“ und „digital“ nennt. Die digitale CD wird somit den traditionellen, analogen Medien zugeordnet, was durchaus nachvollziehbar ist.

1 = Gesamtumsatz zu Endverbraucherpreisen inkl. MWST. 2 = Download Tracks und Bundles, Musikvideos. 3 = Videostreaming und weitere Lizenzen (Ringtones). Quelle Bundesverband Musikindustrie (D)

Bild 3: Die Umsatzzahlen für die Schweiz folgen dem globalen Trend. Der Anteil physischer Medien ist aber bereits unter die 50% Marke gerutscht. Physisch 47%, Download 26%, Streaming 27%. Quelle IFPI Schweiz.

Bild 4: Hier die Stückzahlen für den Schweizer Markt für physische Medien. Quelle IFPI Schweiz.

Bild 5: Stückzahlen: auch der Vinyl Trend folgt dem Muster der grösseren Märket. Quelle IFPI Schweiz.

Gleichzeitig nahm die Qualität von Neuproduktionen – primär im Pop Genre – kontinuierlich ab. Dies durchaus in technischer und künstlerischer Hinsicht. Stichwort Loudness War. Hits aus den 70er, 80er und den frühen 90er Jahren sind beliebter denn je. Zudem kam die Baby-Boomer Generation ins Alter und ein Retrotrend fasste langsam Fuss. Nierentisch, Karo- und Rautenmuster, Spreewald Gurken und Vinyl Platten waren wieder gefragt. Auch Audiogeräte im Retrostil sind heute schick.

Das Klangbild der Schallplatte war attraktiver im Vergleich zum Dynamik komprimierten Retortensound, der angepasst für die Wiedergabe auf Smart Phones und Ohrstöpsel Kopfhörern auf der heimischen Anlage abstossend klang. Die Aura rund um die Schallplatte wurde wieder wahrgenommen. Die grossen Covers begeistern, die oft eigenständige Kunstwerke sind (das Fotomuseum Winterthur hat dem Thema LP-Cover 2016 eine Sonderausstellung gewidmet Link). Das Ritual des Auflegens, die Plattenpflege aber auch das Rumschrauben an den Elementen des Plattenspielers zur subjektiven Klangsteigerung sind Bestanteile der Vinyl Anziehungskraft. Oft hört man das Argument, man müsse nun ein Album als Ganzes hören, im Gegensatz zum hektischen Rumzappen zwischen Alben und Tracks in der körperlosen, digitalen Welt. Nun, das ist auch eine Frage der Selbstdisziplin, liebe Vinyl Freunde und nach mindestens einer Plattenseite kommt der Entscheid: umdrehen oder wechseln.

Marketingleute bezeichnen diese Formatvielfalt als Marktfragmentierung, ein übliches Muster in gesättigten Märkten. Doch lässt sich der Vinyltrend damit abschliessend erklären? Nein!

Man hält was in der Hand

In einer körperlosen Streaming-Welt, in der man Musik nicht mal besitzt, bekommt das Fassbare einen neuen Stellenwert. Womit deutlich wird, dass die Vinyl Thematik heute mit anderen Augen betrachtet wird, als zu Beginn des CD Zeitalters in den 80er Jahren. Die Schallplatte wird nicht durch ihre Limitierungen, Verzerrungen und schwerfällige, fragile Handhabung wahrgenommen, sondern als eine andere, besondere Klangästhetik und Haptik, die kein anders Medium bieten kann. Damit einhergehend auch ein gerüttelt Mass an Verklärung und Mystifizierung. Dass da die technisch objektiven Aspekte eine untergeordnete oder keine Rolle spielen ist naheliegend. Zudem erschliesst sich die Komplexität der digitalen Technik nicht von selbst. Da ist die analoge Technik humaner, leichter zu verstehen, nahbarer, greifbarer.

Vinyl wird eine besondere Klangwärme zugesprochen, ein häufig gehörter Grund für den Griff zur Schallplatte. Für den renommierten Mastering-Engineer Bob Katz, sind es die „Phasenverschiebungen zwischen den Kanälen, die eine angenehm klingende ›Unschärfe‹ des Stereobilds hinzufügen. Die empfundene Stereotrennung, -abbildung und räumliche Tiefe wird dadurch verbessert. Im ursprünglichen Master sind die Phasenverschiebungen nicht enthalten, sie entstehen beim Schneiden und Abtasten einer Schallplatte, da die bewegten Massen von Schneidestichel und Tonabnehmer über- und unterschwingen und Klangtiefe entstehen auch harmonische Verzerrungen. Einige der auftretenden Verzerrungen verbessern wahrgenommen ebenfalls die Kanaltrennung, Tiefe und Wärme. Verzerrung bedeutet Kompression und immer auch eine Änderung der Transienten-Wiedergabe“.

Auch wenn Vinyl heute boomt, in absoluten Zahlen sind die Vinyl Liebhaber immer noch eine Nischengruppe (Im Bereich von ca. 7% – Wert für Deutschland). Allerdings eine Bedeutende, die eine hohe Affinität für Musik hat. Die höchste im Vergleich zum übrigen Teil der Musikfreunde. Was nicht heisst, dass die nicht Vinyl Freunde die Musik nicht schätzen – im Gegenteil. Die Abstände sind gering – in der Statistik.

Bild 7: Käuferstruktur nach Format gegliedert. Auffallend ist die Altersgruppe der 20-29 Jährigen und die Baby-Boomer Altersklasse im Vinyl Segment. Einerseits haben wir hier die Generation die als Teenies mit der Platte gross geworden sind und anderseits eine Generation für die das Thema absolutes Neuland ist. Quelle Bundesverband Musikindustrie (D).

Viele Künstler lieben Vinyl nicht nur, aber auch als bessere Einnahmequelle. Neupressungen und Mint Gebrauchtware sind um ein vielfaches teurer als CDs, die man aktuell oft zu Schleuderpreisen kriegt. Am magersten sind die Einkünfte aus dem Streaming Business.

Auch das ein Vinyl Aspekt: die Unterhaltungselektronik taucht wieder in der Tagespresse und in Magazinen, wie der „Bilanz“ auf. Klar wird hier der Retrotrend thematisiert, aber auch die Klangaura beschrieben und teilweise Unsinn portiert. So berichtete eine englische Tageszeitung – deren Bericht dann auch im deutschsprachigen Raum zitiert wurde – dass die Vinyl Umsätze in England die der Downloads übertroffen haben. Was stimmt, wenn man die Zahlen oberflächlich und unkritisch betrachtet. Nur erzeugt die Aussage ein komplett verzerrtes Bild. 1. Downloads sind eine (für die Aussage passend gewählte) Teilmenge des „digital“ Geschäftsbereiches, siehe Statistik oben. 2. Geht man davon aus, dass ein Album als LP durchaus das doppelte bis vierfache eines Album Downloads kostet und setzt man nun 1 Album = 1 Nutzer gleich, dann ist die Anzahl der Download Nutzer höher als die der LP Nutzer. Was bringen uns nun beide Aussagen – eigentlich nichts, lediglich Zahlenakrobatik. Aber es zeigt, wie ein Trend auch durch Verzerrungen zum Selbstläufer wird.

Fazit

Vinyl ist präsent, wenn auch in einer kleinen Nische. Wie lange das Wachstum noch anhält, sei es im Absatz von Plattenspielern oder Neupressungen, wird sich zeigen. Nachhaltig scheint der Drang nach Vinylsound zu sein. Mit unterschiedlichen Vinyl-Plug-Ins wird versucht, den Plattenklang in die digitale Domäne zu transportieren. Wie dies geht und ob das Resultat überzeugt, wird Thema im zweiten und dritten Teil dieser Blog-Serie sein.