Audio 3.0: Die komplette Umwälzung – Wie die Audio Revolution Grenzen überwindet

Erstellt von:
9 November 2015
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Audio 1.0 1887 „Schallplatte / Analog-Audiotechnik“

Emil Berliner hat 1887 mit der Erfindung der Schallplatte die Massenverbreitung des Tonträgers ermöglicht (Audio 1.0) und so das von Thomas Alva Edison 1877 erfundene Tonaufzeichnungsprinzip aus der Nische für Reiche befreit. Im Gegensatz zur Edison Walze konnte die Schellackplatte kostengünstig in Massen gepresst werden. Die gespeicherte Musikwiedergabe im eigenen Heim wurde für eine breite Bevölkerungsschicht möglich. Die Tonträger- und Geräteindustrie waren geboren.

Zu  Beginn war die Aufzeichnung- und Wiedergabetechnik eine rein mechanische Angelegenheit (Trichter Grammophone). In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ging man schrittweise auf elektrisch basierte Technologien über (Mikrofone, Röhren-Verstärker, Lautsprecher). Die 50er Jahre brachten die Abkehr von 78 Touren und Schelllack, hin zu 33 Umdrehungen, Vinyl und  Stereophonie. Die neue Long Play Disc (LP) hatte eine auf ca. 20 Minuten erweiterte Spieldauer, abgeleitet von der Aufführungsdauer einer klassischen Symphonie.

Wenn wir in einem nächsten Blog näher auf DSP Filter eingehen, sei hier vorausschauend erwähnt, dass die Schallplattentechnik ebenfalls mit Filtern arbeitet, respektive ohne Einsatz von Filtertechnik in der heute bekannten Form nicht existent wäre. Stichwort: RIAA Scheidekennlinie, Bassmanagement.

Die Phono- und Geräteindustrie erlebte ab Mitte der 50er Jahre Boom Jahre. Die HiFi-Anlage, war neben dem TV-Gerät das Zentrum der heimischen High-Tech-Ausstattung.

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Hund Nipper hört die Stimme seines Herrn – das legendäre Gemälde und Markenzeichen war im wechselnden Besitz mehrerer Plattenlabels. Rechts: Clearaudio Statement Referenz Plattenspieler – ein mechanisches Meisterwerk – zeigt die technische Bandbreite, welche die mechanische Schallspeicherung in 128 Jahren durchlaufen hat.

Audio 2.0 1983 „CD / erste Stufe der Digital-Audiotechnik“

Die Einführung der CD war primär eine Revolution innerhalb einer Box – dem CD-Spieler. Auch die Aufnahmetechnik war zu Beginn der digitalen Epoche noch „analog“, orientierte man sich doch an den Erfahrungen aus rein anlogen Zeiten. Dass man das digitalisierte Musiksignal auf Magnetband aufzeichnete änderte daran nichts Wesentliches. Erst mit der Zeit respektierte man, dass mit der digitalen Aufzeichnung die Parameter für Kanaltrennung, Dynamik und Linearität weit mehr ermöglichten als bisher. Der Aufnahmeprozess und die Aufnahmeästhetik mussten sich den neuen Möglichkeiten anpassen. Die gutmütige Analogtechnik maskierte manchen Fehler, den die digitale Variante schonungslos offenbarte. Der Abspielvorgang war nun dank der optischen Abtastung der Disc verschleissfrei. Die Scheibe musste nicht mehr gewendet werden und die Spieldauer war bis zu drei Mal länger als bei der LP.

Die Endkunden bekamen ein neues Abspielgerät, das man an die analogen Eingänge des Verstärkers anschloss. Für die Schallplattenindustrie blieb alles beim Gleichen, nur der Träger war ein anderer. Nach wie vor besuchte der Musikfreund den Plattenhandel, hörte neue Titel vor dem Kauf an der Phonobar und trug seine neu erstandene Musik in einer nun etwas kleineren Tragtasche nach Hause. Er legte die Scheibe nicht mehr auf sondern in sein Abspielgerät und verstaute die CD am Ende im Regal, wie früher die LP. Nur der Klang war anders. Von der Mehrheit als klarer und präziser angenommen, von einer Minderheit als steril und unnatürlich abgelehnt.

cd-spieler

Zwischen dem ersten Sony CD-Spieler CDP-101 und dem aktuellen Rotel RCD-1570 liegen 32 Jahre CD-Spieler-Entwicklung. Diese spielte sich im Gerät ab. Form und Funktion der Geräte blieben nahezu unverändert. Die klanglichen Verbesserungen waren dafür umso markanter.

Audio 3.0 heute „HD & Computer Audio / Grenzen verschwinden“

Der Übergang zu Audio 3.0 war kontinuierlich und zuerst mit MP3, iTunes und iPod als klanglicher Rückschritt wahrnehmbar. Heute sind weder Speicherplatz noch Internetgeschwindigkeiten ein Hindernis für guten Klang. Im Gegenteil: HD-Audio ist Realität, die CD-Grenzen sind überwunden. Und das in Bezug auf Klang und Handhabung. Musik ist nicht mehr unumgänglich an ein starres Duo von Träger(Format) und passendem Abspielgerät gebunden.

Die zentralen Elemente und Veränderungen für Audio 3.0 sind:

A) Musikaufnahmen (Alben)

  • Ein physischer Träger ist nicht mehr zwingend notwendig, die Musikaufnahme kann als reine Computer Datei existieren.
  • Zahlreiche Formate können nebeneinander existieren, die Formate lassen sich konvertieren, sind in verschiedenen Klangqualitäten verfügbar von datenreduziert bis hochauflösend.
  • Aufnahmen können mit geringeren Investitionen realisiert werden (Vorkosten zur Produktion des physischen Trägers entfallen, das Abschreibungsrisiko ist geringer)

B) Wiedergabegeräte

  • Die Dateien lassen sich auf unterschiedlichen Gräten abspielen vom High End Server bis zum Smartphone.
  • Dem Musikliebhaber steht seine Sammlung zu jeder Zeit an unterescheidlichen Orten zur Verfügung (Internetstreaming ab dem heimischen Server, Portable Player, USB-Stick im Auto).
  • DSP Technik in den Wiedergabegeräten ermöglichen den Klang bei der Wiedergabe in Echtzeit den Gegebenheiten anzupassen (Abspielgerät, Raum, persönliche Klangvorstellungen).

C) Aufnahmeprozess

  • Die Musikproduktion erfolgt auf Digital Audio Workstations die Speicherung auf Festplatte.
  • Heutige Hochleistungsprozessoren lassen komplexe Arbeitsschritte und Manipulationen zu.
  • Plug-Ins für die Digital Audio Workstation ermöglichen eine Vielzahl von Klangmanipulationen und Simulationen.

D) Distribution

  • Die Distribution des Musikträgers ist nicht mehr an eine physische Logistikkette gebunden (Tonträger / Vertrieb / stationärer Handel). Die Musikdatei kann als Download im Internet gekauft werden.
  • Alben sind jederzeit von jedem Ort mit Internetzugriff verfügbar – unbegrenzt. Dies zum Nachteil des stationären Software Handels, der einen Schrumpfungsprozess durchläuft. Grenzen setzten nur noch länderspezifische Vertriebsrechte.
  • Musik muss man nicht mehr zwingend besitzen, man kann sie mieten (Streaming Dienste)

Diese Veränderungen haben auch Einfluss auf die Geräteausstattung. Aktiv werden heute nur noch zwei analoge Quellen verkauft: Plattenspieler und UKW Radio – und die UKW Abschaltung kommt (leider) in einigen Jahren. Neue Vor- und Vollverstärker ohne eingebauten D/A-Wandler kommen kaum noch auf den Markt. Und die Geräte verfügen im mittleren und oberen Preissegment über mehr als nur Eingänge für digitale Quellen. DSP-Prozessoren verleihen diesen Geräten interessante Zusatzfunktionen zur weiteren Klangverbesserung und Klangwertsteigerung. Über die Möglichkeiten und die richtige Anwendung von DSP-Prozessoren werde ich in meinem nächsten Blog berichten.

Die Musikbibliothek zieht um

Eine weitere Umwälzung ergibt sich bei der Musikbibliothek. Die wandert vom Regal ins Abspielgerät, genauer in den Music Server. Dies bringt eine Fülle neuer Funktionen und Möglichkeiten aber auch Risiken. Unterschiedliche Formate und Auflösungen spielen – kein Problem. Die Bibliothek nach verschiedenen Kriterien, wie Interpret, Komponist, Zeitepoche, Stil, Instrument anzeigen – sowieso und noch viel mehr. Querbezüge zwischen allen Elementen der Bibliothek herstellen – ein smartes Verwaltungsprogramm auf dem Server macht es möglich. Meine Musiksammlung an verschiedenen Orten im oder ausser Haus hören – nichts leichter als das.

Der Pferdefuss? Ja, den gibt’s, denn die Medaille hat immer zwei Seiten. Eine gut strukturierte Bibliothek braucht pflege der Metadaten. Vieles geht automatisch, aber ohne ein gewisses Mass an Kontrolle und Nachbearbeitung geht es nicht. Wer kein Backup der Dateien und der Bibliothekskonfiguration erstellt, steht im Fall eines Gerätedefektes ohne seine Sammlung da und kann wieder von vorne beginnen, denn Bibliothek und Gerät sind eine Einheit.

Audio 3.0 ist faszinierend und bietet dem Musikliebhaber eine immense Fülle an Musiktiteln und Interpretationen in noch nie dagewesener Qualität aus unterschiedlichsten Tonträger Epochen. Neben neusten Aufnahmen in wirklicher Hi-Res-Qualität kommen alte Masterbänder zu neuen Ehren, werden restauriert (Remaster > Siehe Callas Blog) und gelangen als Hi-Res-Container-Transfer zu neuer Blüte.

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Audio 3.0: Adobe Audition Software, Pro Tools und Sonoma sind weitere, oft verwendete Digital Work Stations zur Musikproduktion. Aria Music Server speichert die gesamte Bibliothek. Die Wiedergabe erfolgt über unterschiedliche Abspielgeräte vom High End Vorverstärker/DAC bis hin zum iPad für den Musikgenuss mit Kopfhörer im Garten. Qobuz: Musik aus dem Internet-Shop steht als Download oder Streaming Angebot zur Verfügung.

Ab ins Museum für Technik?

Und Audio 1.0 und Audio 2.0 – ab in die Geschichtsbücher und ins Technik Museum? Für Audio 2.0 dürfte dies der Fall sein. Weder die Nutzungsart noch die CD als reiner Musikträger sind aus heutiger Sicht noch attraktiv, sie sind schlicht von der Entwicklung überholt worden. Wir werden noch einige Jahre mit der CD Leben, auch Abspielgeräte sind noch problemlos erhältlich. Dennoch, die Technik ist zu komplex, als dass sie in einer kleinen Nische langfristig überleben kann.

Audio 1.0 erlebt seit einigen Jahren eine kleine Renaissance oder Wiederauferstehung – mit Betonung auf kleine, auch wenn die Vinyl-Liebhaber dies gerne unter der Lupe grösser sehen. Während die CD als reiner Träger für digitalisierte Musik empfunden wird, stecken bei Vinyl sehr viele subjektive Elemente und Empfindungen, die weit über ein reines Träger- und Tonformat hinausgehen. Wir sprechen hier von weit über hundert Jahre Tonträger Geschichte mit vielen Meilensteinen der Musikkultur und Musikinterpretation. Die Generation der 45+ ist mit der Schallplatte aufgewachsen, „Smoke on the Water“ ist heute Kult und Reminiszenz an eine Epoche der Emanzipation und gesellschaftlicher Umwälzungen. Vinyl ist weit mehr als nur ein Speichermedium für Musik.  Vinyl steht für Kult und einen ihr eigenen Klangcharakter. Dennoch, die technischen Parameter der rein analogen Aufnahme- und Wiedergabetechnik sind von der digitalen Technik weit überholt worden. Ich weiss, einige werden jetzt empört mit Gegenargumenten, wie „unendliche Auflösung“, „ist nicht zerstückelt“ und „hat mehr  Emotionen“ Einspruch erheben. Das dürfen sie, nur ändert das nichts an den technischen Fakten: digital ermöglicht eine präzisere Aufzeichnung und Wiedergabe von Musik, Audio 3.0 ist real.

Nun hat selbstverständlich jeder die Freiheit seine Musik auf seinem bevorzugten Musiksystem und Format zu hören und auch die Freiheit eine Lanze dafür zu brechen. Die persönliche Vorliebe ist unantastbar. Audio 3.0 und Audio 1.0 können in interessanter Koexistenz für Musikgenuss vom Feinsten sorgen. Verhältnis: 97 zu 3.

orch

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