Verdorbene Sache? Wie man bessere Klang-qualität einem mythischen Sound opfert

Erstellt von:
23 November 2015
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1.932 AUFRUFE

Würden Sie auf den Bildschirm ihres neuen 4K UHD TVs eine Folie kleben welche die Bildschärfe und Farbqualität des ultramodernen Gerätes auf den Stand von 1978 zurückwirft? Dies, damit Sie den Bildeindruck aus ihrer Jugendzeit wieder emotionell erleben können. Blanker Unsinn! Wirklich? Im Audiobereich nennt man diesen Vorgang künstlerische Gestaltung.

Jetzt wo es möglich ist mit moderner Digitaltechnologie Musik akkurat aufzuzeichnen und zu bearbeiten werden Plug-Ins für das digitale Mastering angeboten, welche analoge Tonaufzeichnungen simulieren. So bietet zum Beispiel die Firma iZotope für ihre Mastering Software Ozone 7 ein Modul an (Plug-In = Zusatz Komponente zur Funktionserweiterung einer Basis-Software), welches „Vintage Bandmaschine“ heisst. Lässt man das Musiksignal durch dieses Modul laufen, klingt es danach wie wenn die Musik auf einer analogen Studiobandmaschine aufgezeichnet wurde.

Im iZotope Werbetext heisst es: „Das vintage Band-Modul bringt die unverwechselbare Vielfalt und das Gefühl von Bandsättigung in ihre modernen digitalen Aufnahmen mit all ihren Klangverfärbungen, Verzerrungen und Phasen Effekten von einem realen Tonbandgerät. Profitieren Sie vom analogen Klang für Masters, die musikalischer, fetter, tiefer und mit einer zusätzlichen Dimension  klingen sollen.

  • Holen Sie sich den tiefen, natürlichen Klang und die druckvolle Basswiedergabe von analogen Bandmaschinen mit dem Komfort einer digitalen Schnittstelle.
  • Inspiriert durch die innovative Studer A810 Bandmaschine, welche für ihren exzellenten Frequenzgang auch bei den kritischen Hoch- und Tieftonfrequenzbereichen bekannt ist.
  • Die kontinuierliche Vormagnetisierungseinstellung ermöglicht eine präzise Abstimmung von Frequenz und Verzerrungsantwort.
  • Mischen Sie selbst harmonische Verzerrungen für eine wärmere Sättigung, oder belassen Sie die Einstellung für eine genauere Bandemulation.“

vintage-tape

Vintage Bandmaschinen Plug-in von Ozone 7

Na toll, da ist man endlich all das Rauschen, die Unlinearitäten und diverse Verzerrungen los geworden, kann endlich das Mikrofonsignal präzise aufzeichnen und dann mischt man im Mastering wieder all den Schmutz hinein und nennt dies mit voller Überzeugung Klanggestaltung. Würden Sie eine dem Original viel nähere digitale Aufzeichnung reduzieren um „die unverwechselbare Fülle und das Gefühl von Bandsättigung, mit all den Klangfärbungen, Verzerrungen und Phaseneffekten von einem Band“ zu bekommen und damit die moderne digitale Aufnahme derart verfälschen? iZotope (und die Firma ist damit nicht alleine) bietet ein Set von Tools welche den Klang eines „modernen digitalen Masters“  wie ein analoges Tonband klingen lässt mit „zusätzlicher Dimension, fetter und tiefer“. Analogliebhaber können Verzerrungen, Phasenanomalien und Klangverfärbungen hervorgerufen durch ihr favorisiertes Format als Klangwertsteigerung empfinden, aber ich kann nicht nachvollziehen wie man ein hochauflösendes digitales Master durch das Entfernen aller Vorteile derart deformieren kann.

Nicht jeder Toningenieur ist der gleichen Meinung

Zu der Thematik analog vs. digital passt eine Replik welche ich in einem amerikanischen Blog gefunden habe. Da berichtet Toningenieur Alex, welcher damals bei der Aufnahme von „Nightfly“, dem ersten Soloalbums des Steely-Dan-Mitbegründers Donald Fagen mit dabei war:

donald-fagan

Wir haben 1981 in Los Angeles einen Aufnahmeraum im Village Recorders Studio gebucht um Tracks für „Nighfly“ aufzunehmen und beschlossen die 3M digital Maschine aus zu probieren. Für den Test lief eine Studer A-80 24-Kanal analog Maschine parallel zur 3M. Nachdem die Band einen Take festgelegt hatte, führten wir einen a-b-c Hörtest durch. Die analoge und digitale Maschine lief synchron während die Band live spielte. Wir konnten das analoge Band, die digitale Maschine und die spielende Band direkt vergleichen. Die 3M Maschine kam der Live-Band am nächsten. Wir gaben der Studer Maschine eine weitere Chance, nachdem wir diese nochmals nachjustiert haben. Die 3M war aber trotzdem der klare Sieger. Wir rollten die Studer Maschine auf die Strasse (kleiner Scherz) und machten die Aufnahmen mit der 3M Maschine mit ihren 32 Kanälen. Den Mix machten wir auf die 3M 4-Spur Maschine“.

Der Chefredakteur der Zeitschrift Sound On Sound Paul White bestätigt: „The Nightfly … zeigt, was für gute Resultate man mit diesen frühen digitalen Aufnahmegeräten in den richtigen Händen erhalten konnte“. Link

1978-3m-digital-web

Die digitale 3M Maschine war eine 32 Kanal Bandmaschine welche auf ein 1“ Band mit 16-bit 50 kHz Samplingfrequenz Audiosignale digital aufzeichnen konnte. Dazu gehörte noch die ½“ 4-Kanal Masteringmaschine.

Wem ist damit gedient und wem nicht?

Wieder einmal sind es die persönlichen Vorlieben der Künstler, Ingenieure, Hersteller, Audio-Rezensenten, Vinyl Liebhaber und natürlich die Verbraucher, die als Grund für eine subjektive Nachbearbeitung der Rohdaten herhalten müssen. Es ist fraglich, ob dies immer im Sinne der Endnutzer ist.  Analog ist nicht besser als Digital … es klingt anders. Das reproduzierte Analogsignal ist weniger genau als das Eingangssignal welches die Mikrofone liefern. In Wirklichkeit sollten Audio-Rezensenten ihre Analog-Klang-Vorstellungen kritisch überdenken und erkennen, dass der Massstab für originalgetreue Wiedergabe (High Fidelity) die originale Schallquelle ist und nicht die analoge Reproduktionstechnik mit all ihren Einschränkungen. Dies gilt ebenso für die Digitaltechnik, auch sie ist nicht der Massstab. Die Frage am Ende ist, welche Technologie kommt dem Originalklang am nächsten.

Solche  Plug-ins, wie die „Vintage Bandmaschine“ werden heute vorwiegend im Pop Genre als Stilmittel eingesetzt, teilweise sogar mit echten Tonbandmaschinen wie in Mark Knopflers – Tracker. Für einen jungen Künstler kann der Reiz gross sein seine Produktion etwas „älter“ klingen zu lassen. Pop Musik lebt teilweise von mehr oder weniger beabsichtigten Verzerrungen. Im Klassik und Jazz Genre sind Verzerrungen kein Stilmittel, sondern Störelemente. Hier versucht man eher das Gegenteil, indem man alte Masterbänder „entstaubt und entzerrt“ wie zum Beispiel beim Remastering der Studioaufnahmen von Maria Callas.

Als Klassikliebhaber war ich froh als 1983 die CD eingeführt wurde, trotz der anfänglichen Defizite des Systems (Aufnahmetechnik, Speicherformat, Wiedergabekette). Ab diesem Zeitpunkt konnte ich endlich ganze Sinfonien ohne die gegen Ende der Plattenseite zunehmenden Verzerrungen und ohne das Wechseln der Schallplatte geniessen. Der Schlusssatz eines grossen Orchesterwerkes, welches sich in den meisten Fällen am Ende der Plattenseite befand, zerfiel zur Plattenmitte hin zunehmend zu einem Klangbrei mit deutlich wahrnehmbaren Artefakten. Dies wegen dem abnehmendem Rillenradius und der damit verbundenen kontinuierlich reduzierten Auflösung. Da die Satzreihenfolge bei klassischer Musik zwingend ist, können die akustisch kritischen Stücke nicht einfach, wie dies bei Pop und Jazz möglich ist, im verzerrungsärmeren Aussenbereich der Platte angeordnet werden.

Mit der Zeit wurden auch die Aufnahmen immer akkurater und natürlicher. Mit neuen Konzepten von Elektronik-Komponenten wie zum Beispiel die Sigma Vor- und Endstufen von Classé und Lautsprechern aus der neuen 800 Diamond Serie von Bowers & Wilkins erreicht man heute ein Klangniveau und ein Erlebnis welches eine Präzision und Natürlichkeit aufweist, wie man dies lange nicht für möglich gehalten hat. So ist es heute möglich die Unmittelbarkeit der Aufnahme und die Situation des Aufnahmestudios bei sich zu Hause mitzuerleben. Ich bin auch der Meinung, dass viele vom falschen Bezugspunkt ausgehen und sich nicht am Original sondern am Alten und der alten Technik orientieren. Im Klassik Genre hat man den Orientierungswechsel vollzogen, sich den Anforderungen angepasst und nutzt das höhere Potential der digitalen Aufnahmetechnik voll aus (Hi-Res) – mit hervorragenden  Ergebnissen. Im Pop Genre ist nach wie vor ein cooler Sound gefragt welcher auch mit solchen Plug-ins verfälscht und verfärbt sein darf und wenn es die Radiostationen oder wer auch immer wünschen sogar mit Dynamikkompression – eigentlich schade!

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Hier noch ergänzend zum Thema die Ansicht von Ethan Winer – Auszug aus seinem Buch „The Audio Expert – Everything You Need to Know About Audio“, Kapitel 2, Seite 101, Absatz „Audio Transparency“:

„Many aspiring recording engineers today appreciate some of the great recordings from the mid-twentieth century. But when they are unable to make their own amateur efforts sound as good, they wrongly assume they need the same gear that was used back then. Of course, the real reason so many old recordings sound wonderful is because they were made by very good recording engineers in great (often very large) studios having excellent acoustics. That some of those old recordings still sound so clear today is in spite of the poorer quality recording gear back then, not because of it!”

www.ethanwiner.com/book.htm